- Österreichische Unternehmen nutzen Erleichterungen zurückhaltend: 20 Prozent der analysierten österreichischen Unternehmen wenden den sogenannten Quick Fix an – weniger als in Deutschland, Frankreich oder den Niederlanden
- Klimawandel, eigene Belegschaft und Unternehmensführung bleiben europaweit die zentralen Nachhaltigkeitsthemen
- Österreich fällt bei Frauen im Top-Management zurück: Der Anteil liegt in den analysierten Berichten bei 19,8 Prozent
- Limited Assurance wird zum Standard: Fast alle untersuchten Nachhaltigkeitsberichten wurden zumindest mit begrenzter Sicherheit geprüft
Wien, 15. Juli 2026. Nach der verspäteten Umsetzung der Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) in Österreich und den parallel laufenden EU-Vereinfachungen durch das Omnibus-Paket steht die Nachhaltigkeitsberichterstattung an einem Wendepunkt. Einerseits sollen Berichtspflichten zielgerichteter und weniger komplex werden. Andererseits zeigt sich: Viele Unternehmen haben bereits erheblich in Daten, Prozesse, Governance und externe Prüfung investiert – und nutzen Nachhaltigkeitsberichterstattung zunehmend nicht nur als regulatorische Pflicht, sondern als Instrument für Steuerung, Transparenz und Resilienz.
Das zeigt das aktuelle EY CSRD Barometer 2026, für das 196 Nachhaltigkeitserklärungen für das Geschäftsjahr 2025 analysiert wurden.
Im Fokus stehen Unternehmen, die bereits im Vorjahr Teil der ersten ESRS-Berichtswelle waren. Darunter befinden sich auch zehn Unternehmen mit Sitz in Österreich. Die zentrale Erkenntnis: Im zweiten Jahr der ESRS-Berichterstattung werden Nachhaltigkeitsberichte reifer, klarer und kompakter. Die durchschnittliche Länge der analysierten Nachhaltigkeitserklärungen ist europaweit von 123 auf 112 Seiten gesunken. 122 der 196 Unternehmen haben ihre Berichte gegenüber dem Vorjahr gekürzt – im Durchschnitt um rund 25 Seiten. Gleichzeitig zeigen die Berichte eine stärkere Fokussierung auf wesentliche Themen, klarere Darstellungen der doppelten Wesentlichkeitsanalyse und verbesserte Datenqualität.
„Die zweite Berichtssaison zeigt, dass viele Unternehmen aus dem ersten Jahr gelernt haben. Nachhaltigkeitsberichte werden nicht nur kürzer, sondern auch strukturierter und besser lesbar. Das ist ein wichtiger Fortschritt – denn entscheidend ist nicht die Menge an Informationen, sondern ob sie für Investor:innen, Kund:innen, Mitarbeitende und andere Stakeholder nachvollziehbar, vergleichbar und entscheidungsrelevant sind“, sagt Mirjam Ernst, Director bei EY denkstatt.
Österreich: Fortschritte trotz regulatorischer UnsicherheitÖsterreich befand sich während der analysierten Berichtsperiode in einer besonderen Situation: Die nationale Umsetzung der CSRD erfolgte später als in vielen anderen europäischen Ländern. Gleichzeitig sorgten die geplanten Vereinfachungen auf EU-Ebene für zusätzliche Unsicherheit. Dennoch zeigen die analysierten österreichischen Unternehmen, dass ESRS-Berichterstattung bereits in der Praxis angekommen ist. Auffällig ist, dass österreichische Unternehmen Erleichterungen vergleichsweise zurückhaltend nutzen. Nur 20 Prozent der analysierten Unternehmen mit Sitz in Österreich wenden den sogenannten Quick Fix an – also die Möglichkeit, bestimmte Übergangserleichterungen bei einzelnen ESRS-Angaben länger zu nutzen. Zum Vergleich: In Deutschland liegt dieser Anteil bei 32,4 Prozent, in Frankreich bei 52,9 Prozent und in den Niederlanden bei 50 Prozent.
„Österreichische Unternehmen haben lange auf rechtliche Klarheit warten müssen. Umso bemerkenswerter ist, dass viele bereits weitergearbeitet haben und sich nicht allein auf Erleichterungen verlassen. Das spricht dafür, dass Nachhaltigkeitsberichterstattung zunehmend als Teil professioneller Unternehmenssteuerung verstanden wird – nicht nur als reine Compliance-Übung“, so Ernst.
Gleichzeitig warnt Ernst davor, den regulatorischen Entlastungseffekt falsch zu interpretieren: „Das Omnibus-Paket nimmt vielen Unternehmen Druck und reduziert Komplexität. Aber es bedeutet nicht, dass Nachhaltigkeitsinformationen weniger wichtig werden. Im Gegenteil: Gerade wenn der Kreis der verpflichteten Unternehmen kleiner wird, steigt der Anspruch an Qualität, Vergleichbarkeit und Aussagekraft jener Berichte, die veröffentlicht werden.“
Klimawandel, Belegschaft und Unternehmensführung dominierenDie drei wichtigsten Nachhaltigkeitsthemen bleiben europaweit unverändert: Eigene Belegschaft, Klimawandel und Unternehmensführung. Alle analysierten Unternehmen berichten über die eigene Belegschaft, 99,5 Prozent über Klimawandel und 97,4 Prozent über Business Conduct. Auch in Österreich sind Governance- und Unternehmensführungsthemen stark verankert: Alle analysierten österreichischen Unternehmen berichten zu Business Conduct. Dazu zählen unter anderem Unternehmenskultur, Compliance, Korruptionsprävention, Hinweisgebersysteme, Lieferantenbeziehungen und Zahlungspraktiken.
„Die hohe Relevanz von Business Conduct zeigt, dass Nachhaltigkeitsberichterstattung weit über Umwelt- und Klimathemen hinausgeht. Gerade für österreichische Unternehmen mit internationalen Lieferketten, regulierten Märkten oder komplexen Stakeholder-Beziehungen wird glaubwürdige Governance zu einem zentralen Bestandteil von Resilienz und Vertrauen“, sagt Ernst.
Soziale Kennzahlen machen Unterschiede sichtbarEin weiterer Schwerpunkt des CSRD Barometers liegt auf Angaben zur eigenen Belegschaft. Europaweit berichten alle analysierten Unternehmen zu diesem Themenfeld. Besonders häufig geht es um Arbeitsbedingungen, Gleichbehandlung, Diversität, Gesundheit und Sicherheit.
Dabei zeigen die Daten deutliche Unterschiede zwischen Ländern und Branchen. Besonders auffällig aus österreichischer Sicht: Der Anteil von Frauen im Top-Management liegt in den analysierten österreichischen Berichten bei 19,8 Prozent. Damit liegt Österreich hinter Ländern wie Deutschland, Frankreich, Norwegen oder Schweden. In Norwegen und Schweden liegt der Anteil jeweils bei 40,2 Prozent, in Frankreich bei 32,5 Prozent und in Deutschland bei 24,9 Prozent.
„Die CSRD macht sichtbar, wo Unternehmen stehen – auch bei sozialen Kennzahlen und Diversität. Gerade diese Transparenz ist wichtig, weil sie Fortschritte messbar macht und Vergleiche ermöglicht. Für Österreich zeigt sich hier klarer Handlungsbedarf: Diversität in Führung ist nicht nur ein gesellschaftliches Thema, sondern auch eine Frage von Wettbewerbsfähigkeit, Arbeitgeberattraktivität und Entscheidungsqualität. Darüber hinaus ist in Zukunft noch die Verknüpfung des Themas Diversität in der Berichterstattung mit der Entgelttransparenzrichtlinie zu beachten. Hier entsteht zusätzlicher Handlungsbedarf“, betont Ernst.
Externe Prüfung wird zum neuen NormalEin zentrales Element der CSRD ist die externe Prüfung von Nachhaltigkeitsinformationen. Das EY CSRD Barometer zeigt, dass Limited Assurance inzwischen der Marktstandard ist. 98 Prozent der analysierten Nachhaltigkeitserklärungen wurden zumindest mit begrenzter Sicherheit geprüft. In der Regel erfolgt diese Prüfung durch Abschlussprüfer:innen der Unternehmen. Auch hier zeigt sich: Die externe Prüfung verändert die Qualität der Berichterstattung. Daten, Prozesse, Kontrollen und Dokumentationen müssen belastbarer werden. Unternehmen müssen ihre doppelte Wesentlichkeitsanalyse besser begründen und ihre Angaben konsistenter aufbauen. „Limited Assurance ist mehr als ein formaler Prüfschritt. Sie zwingt Unternehmen dazu, Nachhaltigkeitsdaten ähnlich ernst zu nehmen wie Finanzdaten. Das ist ein Kulturwandel: ESG-Informationen müssen nachvollziehbar, prüfbar und intern steuerbar sein“, sagt Ernst.
Vom Compliance-Projekt zur SteuerungsaufgabeDas EY CSRD Barometer 2026 zeigt insgesamt: Unternehmen bewegen sich von der ersten Compliance-Phase in Richtung reiferer Nachhaltigkeitsberichterstattung. Die Berichte werden kompakter, die doppelte Wesentlichkeitsanalyse wird klarer dargestellt, Datenqualität und Prüfungssicherheit steigen. Gleichzeitig bleibt der Weg zur wirklich entscheidungsrelevanten Berichterstattung anspruchsvoll. Viele Unternehmen müssen Nachhaltigkeit noch stärker mit Strategie, Risikomanagement, Investitionsplanung und operativer Steuerung verbinden.
„Die ersten beiden ESRS-Berichtsjahre haben die Grundlage gelegt. Jetzt geht es darum, Nachhaltigkeitsberichterstattung aus der Berichtsecke herauszuholen und in die Unternehmenssteuerung zu integrieren. Unternehmen, die ihre ESG-Daten für strategische Entscheidungen nutzen, werden langfristig resilienter, glaubwürdiger und wettbewerbsfähiger sein“, so Ernst abschließend.