- Fast die Hälfte der befragten Restrukturierungs-Expert:innen aus österreichischen Banken rechnet mit dem Höhepunkt der Restrukturierungswelle im zweiten Halbjahr 2026
- Wichtigste Belastungsfaktoren in Österreich: steigende Energie- und Materialkosten sowie schwache Konjunktur mit jeweils 22 Prozent
- Am stärksten betroffene Branchen: Automotive, Retail, Immobilien sowie Bau und Baustoffe
- In Österreich gewinnen Insolvenz- und Liquidationslösungen an Bedeutung – gleichzeitig dominieren weiterhin außergerichtliche und konsensuale Restrukturierungen
Wien, 27. Juli 2026. Österreichs Wirtschaft steht weiter unter Druck: Die Konjunkturerholung bleibt fragil, viele Unternehmen kämpfen mit hohen Kosten, schwacher Nachfrage und angespannter Liquidität. Diese Belastungen schlagen sich zunehmend auch in den Kreditportfolios der Banken nieder. Das zeigt die aktuelle EY-Parthenon European Restructuring Pulse Survey, für die Restrukturierungs- und Sanierungs-Expert:innen europäischer Banken zu aktuellen Entwicklungen am Restrukturierungsmarkt befragt worden sind.
Demnach beobachteten 85 Prozent der Befragten in Österreich im zweiten Halbjahr 2025 eine steigende Restrukturierungsaktivität. Auch der Blick nach vorne bleibt angespannt: 74 Prozent erwarten im ersten Halbjahr 2026 eine weitere Zunahme der Restrukturierungsfälle. Damit bleibt das Niveau in Österreich hoch, auch wenn der erwartete Anstieg etwas moderater ausfällt als noch im zweiten Halbjahr 2025. Besonders deutlich zeigt sich die zeitliche Verschiebung des Restrukturierungsdrucks: 47 Prozent der österreichischen Befragten rechnen damit, dass der Höhepunkt der aktuellen Restrukturierungswelle erst im zweiten Halbjahr 2026 erreicht wird. Weitere 21 Prozent erwarten den Peak im ersten Halbjahr 2027.
„Die Ergebnisse zeigen sehr klar: Der Restrukturierungsdruck ist nicht vorbei, sondern verlagert sich weiter nach vorne. Viele Unternehmen haben die vergangenen Jahre mit Kostendisziplin, Liquiditätsreserven oder Anpassungen bei Finanzierungen überbrückt. Jetzt entscheidet sich, ob diese Maßnahmen ausreichen – oder ob tiefgreifendere operative und finanzielle Restrukturierungen notwendig werden“, sagt Ben Trask, Partner bei EY-Parthenon Österreich.
Kosten, Konjunktur und Nachfrage belasten Unternehmen gleichzeitig
Die wichtigsten Auslöser für Restrukturierungen in Österreich sind laut Studie steigende Energie- und Materialkosten sowie eine schwächere wirtschaftliche Entwicklung. Beide Faktoren werden von jeweils 22 Prozent der österreichischen Befragten als zentrale Treiber für das erste Halbjahr 2026 genannt. Dahinter folgen rückläufige Umsätze und geopolitische Belastungen mit jeweils 15 Prozent. Damit unterscheidet sich Österreich nur teilweise vom europäischen Gesamtbild. Auch europaweit zählen steigende Energie- und Rohstoffkosten (25 %) sowie schwaches Wachstum (17 %) zu den wichtigsten Belastungsfaktoren. In Österreich wirkt die Kombination aus hohen Standortkosten, verhaltener Nachfrage und industrieller Abhängigkeit jedoch besonders stark.
„Viele Unternehmen stehen nicht vor einem einzelnen Problem, sondern vor einer Gleichzeitigkeit mehrerer Belastungen: hohe Kosten, schwächere Nachfrage, geopolitische Unsicherheit und teils eingeschränkter Finanzierungsspielraum. Das macht Restrukturierungen komplexer – und erhöht den Druck, frühzeitig realistische Szenarien zu entwickeln“, erklärt Jürgen Kogler, Partner bei EY‑Parthenon Österreich, der umfassende Erfahrung aus der praktischen Umsetzung von Restrukturierungsprogrammen in Industrieunternehmen einbringt – auch aus seiner bisherigen Tätigkeit beim Beratungsunternehmen Syngroup, die nun Teil von EY‑Parthenon ist und die Kompetenzen von EY im Bereich der operativen Umsetzung von Transformations- und Restrukturierungsprogrammen weiter verstärkt.
Automotive bleibt besonders betroffen – Retail gewinnt deutlich an Dynamik
Besonders stark betroffen bleibt in Österreich der Automotive-Sektor. Für das erste Halbjahr 2026 erwarten 26 Prozent der Befragten hier die höchste Restrukturierungsaktivität. Damit liegt Automotive weiterhin klar an der Spitze. Dahinter folgt der Retail-Sektor, der in Österreich deutlich an Bedeutung gewinnt: 21 Prozent der Befragten sehen den Handel als besonders belasteten Bereich. Auch der Immobiliensektor bleibt mit 13 Prozent unter Druck, wenn auch weniger stark als in früheren Erhebungen. Der Bereich Construction & Building Materials liegt bei neun Prozent, das produzierende Gewerbe bei sechs Prozent.
„Österreich ist aufgrund seiner Wirtschaftsstruktur besonders sensibel gegenüber industriellem Gegenwind. Der Druck im Automotive-Sektor wirkt entlang ganzer Wertschöpfungsketten – von Zulieferern über Produktionsbetriebe bis zu industrienahen Dienstleistern. Gleichzeitig zeigt die Entwicklung im Handel, dass die schwache Konsumstimmung und hohe Kostenbelastung zunehmend auch konsumnahe Branchen treffen“, erklärt Trask.
Insolvenz und Liquidation gewinnen an Bedeutung
Bei den Restrukturierungslösungen bleibt die klassische Anpassung bestehender Kreditvereinbarungen – also Amend & Extend inklusive Anpassung des Schuldendienstes – auch in Österreich eine wichtige Maßnahme. Für das erste Halbjahr 2026 erwarten 20 Prozent der Befragten, dass diese Form der finanziellen Restrukturierung am häufigsten eingesetzt wird. Gleichzeitig zeigt sich in Österreich ein auffälliger Trend: Insolvenz- und Liquidationslösungen gewinnen an Bedeutung. Für das erste Halbjahr 2026 nennen 18 Prozent der Restrukturierungs-Expert:innen Insolvenz oder Liquidation als häufigste Restrukturierungslösung. Ebenfalls relevanter werden beschleunigte M&A-Prozesse, die von 14 Prozent der österreichischen Befragten genannt werden.
„Nicht jedes Unternehmen wird allein durch verlängerte Laufzeiten oder angepasste Rückzahlungsprofile stabilisiert werden können. Wenn Geschäftsmodelle strukturell unter Druck stehen, braucht es oft eine Kombination aus finanzieller Neuordnung, operativer Sanierung und strategischen Entscheidungen – bis hin zu Verkäufen, Carve-outs oder geordneten Insolvenzverfahren“, so Kogler.
Außergerichtliche Lösungen dominieren weiterhin
Trotz steigender Belastungen setzen österreichische Banken weiterhin stark auf konsensuale Lösungen. In Österreich gaben die Befragten für das zweite Halbjahr 2025 an, dass Restrukturierungen fast ausschließlich außergerichtlich und konsensual umgesetzt wurden. Damit bleibt die Bereitschaft hoch, tragfähige Lösungen zwischen Unternehmen, Eigentümern und Finanzierungspartnern zu finden.
Auch bei der Bereitstellung neuen Kapitals in Restrukturierungssituationen zeigt sich ein vertrautes Muster: Bestehende Kreditgeber bleiben im ersten Halbjahr 2026 für 43 Prozent der österreichischen Befragten die wichtigste Finanzierungsquelle. Dahinter folgen bestehende Eigentümer:innen mit 20 Prozent und neue Anteilseigner mit 14 Prozent. Distressed Funds spielen mit sechs Prozent zwar noch eine kleinere, aber wachsende Rolle. „Banken und bestehende Eigentümer:innen bleiben in Restrukturierungen die zentralen Stabilitätsanker. Gleichzeitig steigt der Anspruch an Unternehmen deutlich: Wer Unterstützung will, braucht ein belastbares Konzept, transparente Zahlen und einen glaubwürdigen Plan für die operative Zukunft“, so Trask.
Glaubwürdiger Businessplan und Eigentümerunterstützung werden entscheidend
Die Studie zeigt auch, welche Faktoren für Banken bei der Unterstützung von Unternehmen besonders wichtig sind. An erster Stelle steht die Unterstützung durch bestehende Eigentümer:innen, gefolgt von einem glaubwürdigen Businessplan. Erst danach folgen die Fähigkeit zur Schuldentilgung, Kreditkennzahlen und die Frage, ob Unternehmen Zahlungen auch bei begrenzten Zugeständnissen weiter leisten können.
„Ein überzeugender Restrukturierungsplan muss heute mehr leisten als nur Liquidität sichern. Banken wollen sehen, dass Eigentümer:innen Verantwortung übernehmen, dass das Geschäftsmodell realistisch bewertet wird und dass operative Maßnahmen tatsächlich umgesetzt werden können. Restrukturierung ist damit nicht nur eine Finanzierungsfrage, sondern eine Frage der strategischen und operativen Glaubwürdigkeit“, sagt Kogler.
Ausblick: Frühzeitiges Handeln wird zum Wettbewerbsvorteil
Die Ergebnisse der aktuellen EY-Parthenon European Restructuring Pulse Survey machen deutlich: Der Restrukturierungsdruck in Österreich bleibt auch 2026 hoch. Zwar erwarten die Befragten keine abrupte Eskalation, aber eine anhaltend angespannte Entwicklung – mit einem voraussichtlichen Höhepunkt im zweiten Halbjahr 2026.
„Unternehmen sollten die kommenden Monate nicht abwarten, sondern aktiv nutzen. Wer Finanzierung, Working Capital, Kostenstruktur und Geschäftsmodell frühzeitig überprüft, verschafft sich Handlungsspielraum. Wer erst reagiert, wenn Liquidität und Vertrauen bereits stark geschwächt sind, hat deutlich weniger Optionen“, so Trask abschließend.