- Zwei Drittel der Unternehmen (64 %) verfügen über Netto-Null-Pläne – aber weniger als die Hälfte (48 %) orientiert sich an wissenschaftlichen Vorgaben
- Fast zwei Drittel der Unternehmen mit Klimazielen (63 %) setzen stark auf CO₂-Kompensation statt auf Emissionsreduktion
- 93 Prozent berichten über Natur und Biodiversität, doch nur 26 Prozent erfüllen die Qualitätsstandards der TNFD – dem globalen Rahmenwerk für naturbezogene Risiken und Offenlegungspflichten
- Geringe Übereinstimmung mit Standards wie dem TNFD deutet darauf hin, dass Unternehmen Natur nicht als finanziell relevantes Thema behandeln – dadurch bleiben Risiken unentdeckt und strategische Chancen ungenutzt
- Unternehmen, die Klimarisiken ignorieren, riskieren bis zu 15 Prozent ihres Jahresumsatzes
Wien, 8. Jänner 2026. Viele der weltweit größten Unternehmen haben nach wie vor keine Klimatransitionspläne, die umfassend genug sind, um die globale Erwärmung tatsächlich zu reduzieren. Zwar ist eine Bewegung in die richtige Richtung erkennbar – doch die Fortschritte reichen nicht aus, um die größten Risiken wirklich zu entschärfen. Das zeigen zwei aktuelle, globale Analysen von EY: Der Climate Action Barometer und der Nature Action Barometer.
Für das EY Global Climate Action Barometer wurden mehr als 850 Unternehmen aus 50 Ländern und 13 Branchen befragt, die als besonders engagiert beim Klimaschutz gelten. Analysiert wurde, welche Maßnahmen sie konkret setzen, wie weit sie bei der Umsetzung ihrer Ziele sind – und wo es weiterhin hakt. Für das EY Global Nature Action Barometer wurden weltweit 435 Unternehmen befragt. Visualisiert wurde, wie Organisationen weltweit Natur als ein wichtiges Thema erkennen, naturbezogene Kennzahlen und Ziele verfolgen, Risiken managen, Resilienz stärken und Chancen nutzen, indem sie das Thema Natur in zentrale Geschäftsstrategien und Entscheidungsprozesse einbetten.
Die Ergebnisse im Bereich Climate Action fallen gemischt aus: Zwei Drittel der Unternehmen (64 %) verfügen über Pläne für den Übergang zu Netto-Null, und jedes zehnte (12 %) hat diese zuletzt sichtbar weiterentwickelt oder offengelegt. Gleichzeitig gibt es nach wie vor Lücken, die den Fortschritt bremsen. Weniger als die Hälfte der Unternehmen (48 %) richtet ihre Ziele zum Beispiel an wissenschaftlichen Vorgaben und den Richtlinien der Science based Targets Initiative aus.
Unter den Unternehmen mit Netto-Null-Zielen setzen weiterhin fast zwei Drittel (63 %) stark auf CO₂-Zertifikate. Sie kompensieren also, statt die eigenen Emissionen konsequent zu senken. Besonders stark ausgeprägt ist diese Vorgehensweise im Finanzsektor (78 %) und im Transportwesen (69 %) – zwei Branchen, die beim Thema Dekarbonisierung besonders gefordert wären.
Constantin Saleta, Senior Manager im Bereich Klimaschutz bei EY denkstatt, erklärt: „Die Wissenschaft zeigt eindeutig: Ein Kurswechsel gelingt nur, wenn Unternehmen glaubwürdig handeln und Pläne verfolgen, die Fortschritt erzeugen. Das ist nicht einfach – Instabilität ist allgegenwärtig –, aber jene, die frühzeitig ihr Geschäftsmodell anpassen und entsprechend Chancen aus der Klimatransformation wahrnehmen, werden langfristig vorne liegen.“
Unternehmen schwächen Klimapläne ab
Dennoch: Ein Drittel der befragten Unternehmen (34 %) hat seine Klimaziele laut Climate Action Barometer bereits nachjustiert – häufig wegen knapper Budgets oder unsicherer Regulierungsvorgaben. In 44 Prozent der Fälle wurden die Ziele jedoch abgeschwächt: weniger ambitioniert oder zeitlich verzögert.
Zwar haben viele Unternehmen (68 %) sowohl physische als auch transitorische Risiken analysiert, doch nur 17 Prozent legen offen, welche finanziellen Auswirkungen sie tatsächlich erwarten – obwohl Schäden an der Natur weltweit jährlich rund fünf Billionen US-Dollar verursachen. Dadurch bleibt unklar, wie groß die Bedrohung für ihr Geschäftsmodell wirklich ist.
Klimawandel beschleunigt Biodiversitätsverlust
Eine Million Arten sind vom Aussterben bedroht, 75 Prozent der weltweiten Landflächen haben sich stark verändert, 85 Prozent aller Feuchtgebiete sind verschwunden. Überwachte Wildtierbestände sind seit 1970 im Schnitt um 73 Prozent zurückgegangen. Birgit Strasser, Managerin im Bereich Biodiversität bei EY denkstatt, erklärt: „Der Verlust der Natur stellt mittlerweile ein erhebliches Risiko für Lieferketten, Vermögenswerte und die langfristige Resilienz von Geschäftsmodellen dar. Mehr als die Hälfte der globalen Wirtschaftsleistung ist abhängig von funktionierenden Ökosystemen. Gleichzeitig ist die Natur ein strategischer Verbündeter im Kampf gegen den Klimawandel und bei der Anpassung an ihn. Trotz dieser Fakten haben nur 22 Prozent der Unternehmen naturbezogene Ziele und Kennzahlen, die TNFD-konform sind.“
Obwohl laut Climate Action Barometer 92 Prozent der Unternehmen ihre physischen Risiken im Detail untersucht haben, verfügen nur zwei von fünf (44 %) bereits über konkrete Anpassungsmaßnahmen. Auch in der Unternehmensführung zeigen sich Schwächen: Nur acht Prozent binden den Vorstand in Entscheidungen zur Kapitalallokation für Klimathemen ein, 21 Prozent in die Zielsetzung – und nur 41 Prozent überwachen systematisch den Fortschritt. Aber Untätigkeit kostet: Unternehmen, die Klimarisiken ignorieren, riskieren bis zu 15 Prozent ihres Jahresumsatzes.
Saleta sagt: „Wer langfristig widerstandsfähig bleiben will, braucht Weitblick. Unternehmen müssen klare, umsetzbare Transitionspläne vorlegen, die zeigen, wie sie Risiken antizipieren und ihre Strategie auf eine kohlenstoffarme Zukunft ausrichten. Aber: Dekarbonisierung gelingt nur im Schulterschluss. Politik und Regulatorik müssen verlässliche Rahmen schaffen – und Unternehmen müssen sicherstellen, dass Strategie, Prozesse und Governance auf langfristigen Wert ausgerichtet sind.“
Nur ein Viertel der Unternehmen konform mit Regeln für Natur- & Biodiversitätsberichte
Der Nature Action Barometer zeigt, wie groß die Kluft zwischen Anspruch und Realität bei umweltschutzrelevanten Themen ist. Zwar verweisen 93 Prozent der über 400 befragten Unternehmen in ihren Berichten auf Natur und Biodiversität, doch nur ein Viertel (26 %) erfüllt die Qualitätsstandards der TNFD-Empfehlungen – dem internationalen Rahmenwerk für die Offenlegung naturbezogener Risiken, Abhängigkeiten und finanzieller Auswirkungen. Nur etwas mehr als ein Zehntel (13 %) veröffentlicht einen eigenen TNFD-Report oder ein entsprechendes Index-Kapitel.
Im internationalen Vergleich schneidet Europa am besten ab: Unternehmen aus der Region EMEIA adressieren zu 94 Prozent Natur- und Biodiversitätsrisiken, aber nur 29 Prozent der Berichte sind qualitativ so ausgereift, dass sie wirklich TNFD-konform sind.
„Die Diskrepanz zwischen Berichterstattungsumfang und Qualität zeigt: Unternehmen berichten, aber oft ohne strategischen Mehrwert. Gründe dafür sind die begrenzte Umsetzung, Herausforderungen bei der Datenverfügbarkeit und Unsicherheit in Bezug auf natur- und biodiversitätsbezogene Strategien. Geringe Übereinstimmungen mit Standards wie dem TNFD deuten darauf hin, dass naturbedingte Risiken unentdeckt – und strategische Chancen ungenutzt bleiben“, schließt Strasser.